Inklusiver Austausch mit Rotary


Das oberste Ziel des Jugendaustausches mit Rotary ist die Förderung von jungen Menschen, die auf ihrer außergewöhnlichen Reise die Chance bekommen sich weiterzuentwickeln und über sich hinauszuwachsen. Dazu wird jede:r Austauschschüler:Innen zur Botschafter:In des Landes und trägt aktiv zur internationalen Völkerverständigung bei.

Wir ehemaligen Rotary Austauschschüler:Innen möchten hier einen besonderen Aspekt des rotarischen Austauschs hervorheben über den nur Wenige sprechen: Die Möglichkeit mit Rotary im Jugendaustausch gedachte Grenzen zu überwinden und ungeahnte Chancen dort zu entdecken, wo andere nur Herausforderungen sehen.

Dafür haben wir Jesus, einen Austauschschüler aus Paraguay, seine beiden Gastfamilien (Familie Herbster mit Tochter Hanna, Gastmutter Monika und Gastvater Christoph). Und (Familie Stawarz  mit Tochter Lynn Und Gastmutter Bettina) und seinen YEO Bodo Kretschmann für ein kleines online Interview getroffen. 

Jesus ist 2019/20 im Rahmen des rotarischen Jugendaustausches für ein Jahr nach Deutschland gezogen. Er hat dort bei zwei verschiedenen Gastfamilien gelebt.  Das Austauschjahr hat ihn, seine beiden Gastfamilien und seinen deutschen Rotary Gast Club, der ihn empfangen hat, nachhaltig geprägt und verändert. Eine seiner Gastschwestern hat Paraguay sogar für ihren Kurzzeit Austausch mit Rotary besucht.
Eigentlich hätte er mit Rotex 1840 e. V. auf die Deutschlandtour kommen sollen, die dann Corona bedingt leider ausfallen musste. Von unserem ersten Telefonat weiß ich noch, wie beeindruckt ich war, weil er bereits nach drei Monaten Austausch wirklich gut Deutsch sprechen konnte
.
Natürlich war dieses Austauschjahr auf vielen verschiedenen Ebenen, nicht zuletzt wegen Corona, ein sehr ungewöhnliches Jahr, doch Jesus Geschichte ist noch aus einem ganz anderen Grund außergewöhnlich, weil er mit  dem Alter von sieben blind geworden ist. 

Wie das für ihn war, für ein Jahr in einem fremden Land mit einer unbekannten Sprache und Kultur zurecht zu kommen, welche Herausforderungen es gab und was er hier in Deutschland lieben gelernt hat, das alles haben wir ihn für euch gefragt.

Unser Interview mit Jesus:

Hannah (Rotex): “Hallo, schön, dass ihr heute Abend alle Zeit für uns habt, lasst uns doch direkt anfangen. Jesus, wie würden Dich denn Deine Freunde und Deine Familie zuhause in Paraguay  beschreiben?”
Jesus: ”Ich denke sie würden mich als abenteuerlich und fleißig beschreiben und vielleicht auch als lustig.”

Hannah (Rotex): ”Wie bist Du denn konkret zum Austausch mit Rotary gekommen?”
Jesus: ”Also eigentlich hatte ich schon immer den Traum einen Schüleraustausch zu machen, ich wusste aber, dass es schwierig werden würde die Leute zu überzeugen. Ich hab mich dann trotzdem einfach mal bei Rotary beworben und Sie haben wirklich direkt auf Augenhöhe versucht das alles möglich zu machen. Wie die anderen Bewerber  musste ich ganz normal am Auswahlverfahren teilnehmen, das heißt einen Test schreiben, an dem 150 Leute teilgenommen haben. Insgesamt standen 53 Plätze für den Austausch zur Verfügung.”

Kurze Anmerkung an dieser Stelle: 

In Lateinamerika bewerben sich in der Regel mehr Kandidat:Innen als es Plätze gibt, aus diesem Grund ist es üblich einen schriftlichen Selektionsprozess vorab  durchzuführen. Wer sich nicht gut genug platzieren kann scheidet dann automatisch aus.

Hannah (Rotex): “Was waren die drei wichtigsten Sachen in Deinem Koffer?”
Jesus: “Also definitiv mein Schachbrett, die Geschenke für meine Gastfamilie und natürlich meine Pins. Die drei wichtigsten Sachen in der Rückreise waren allerdings Deutsches Essen, deutsches Essen und mehr Essen.”

Hannah (Rotex): ”Wie hast Du Dich generell auf den Austausch vorbereitet?”
Jesus: ”Mhm, also ich habe angefangen Deutsch zu lernen, noch bevor ich überhaupt sicher wusste, dass ich nach Deutschland komme. Mir war es sehr bewusst, dass es ansonsten schwierig für mich wird zu kommunizieren, weil Pantomime ja nicht funktioniert hätte. Das hat mir und ich denke auch den Leuten vor Ort Sicherheit gegeben. Außerdem war es mir total wichtig, vorab mal mit meiner Gastfamilie zu telefonieren, damit ich mir ihre Stimmen einprägen konnte. Das habe ich als Sicherheit gebraucht, um sie am Flughafen hier in Deutschland erkennen zu können, damit ich nicht einfach mit den Falschen mitgehe.”

Hannah (Rotex): “Was war Deine/Eure größte Angst vorab, hat sich das bestätigt?”
Jesus: “Ich hatte vor allem Angst das Ganze nicht zu schaffen, dass ich zum Beispiel die Sprache nicht gut genug lerne. Doch da haben mich meine beiden Gastfamilien wirklich gut unterstützt  und mir die Angst genommen. Rückblickend kann ich heute sagen, dass die Angst auch gar nicht begründet war.”

Lynn: “Wir hatten natürlich vorab alle irgendwie Dinge, die uns durch den Kopf gegangen sind, haben uns Sorgen gemacht wie wir damit umgehen sollen, wie man auf sowas reagiert?”
Familie Herbster: “Natürlich stand auch irgendwie die Frage im Raum, was das für uns für einen Zusatzaufwand bedeutet?”
Bettina: “Und wir haben uns auch gefragt, wie wir ihn unterstützen können?”
Christoph: “Wir haben dann aber ganz schnell festgestellt, er braucht gar keine Unterstützung, er ist ein gesunder junger Mann, das war sehr beeindruckend.”
Hanna Herbster: “Jesus hat mich direkt am Anfang überzeugt, ich habe großen Respekt davor, wie er das alles gemanagt hat, vor allem davor, wie motiviert er von Anfang an war, wie gut und wie toll seine Sprachkenntnisse schon waren.”
Bodo: “ Wir hatten ehrlich gesagt als Club überhaupt keine Erfahrung was das Thema Austausch mit Behinderung angeht. Ich persönlich hatte großen Respekt vor der Sprach- und Sehbarriere, aber ich habe da einfach auf Jesus vertraut. Nach dem Motto, wenn er sich das zutraut wird es schon passen. Die Sprache war super wichtig, die Tatsache, dass er bei seiner Ankunft schon relativ viel Deutsch konnte hat uns allen viel Sicherheit gegeben. Letzten Endes sind wir natürlich alle ein bisschen ins kalte Wasser gesprungen.” 

Diese Angst kann ich gut nachvollziehen, ich glaube jede:R Austauschschüler: In setzt sich mit dieser Angst an irgendeinem Punkt auseinander, dass man es irgendwie doch nicht schafft, dass die Sprache zu schwer, das Land zu fremd, oder das Heimweh zu groß ist. Austausch braucht irgendwie immer auch ein bisschen Mut und kostet Überwindung. Umso wichtiger, dass man dann vor Ort jemanden hat, der einen auffängt und an einen glaubt.

Hannah (Rotex): “Was war dein bester Moment hier in Deutschland, was Dein schlimmster?”
Jesus: ”Für mich war definitiv der Rückflug am schlimmsten. Am schönsten ist irgendwie schwer zu sagen, es gab so viele schöne Momente. Unter anderem das Tandemfahren mit meinen Gastschwestern. Ich bin sogar ganz oft mit Christoph die Berge hochgefahren, wobei das runterfahren auf jeden Fall das geilste war! Das Tandem hatten wir von Rotary bekommen und dafür sind wir sehr dankbar. Mit dem Fahrrad haben wir echt schöne Momente zusammen verbracht. Ansonsten natürlich die Treffen mit den anderen Austauschüler:Innen, die Reise nach Italien mit meiner Gastfamilie, sowie die Reise nach Berlin und das Kanufahren in den Sommerferien, das Joggen mit Christoph und auch mit Freunden. All das waren unzählige sehr schöne Momente. Jeden
Tag war es echt schön.” 

Hanna Herbster: “Mein Lieblingsmoment war, als wir im Sommer dann gemeinsam beim Kanufahren waren.”
Christoph: “Die drei haben auch immer viel zusammen musiziert, und dann manchmal kleine Konzerte für uns gegeben, das war auch wirklich toll und berührend.”
Bettina: ”Ich fand das Sommerfest sehr schön, vor allem weil Jesus dort so viel positives Feedback bekommen hat, dass er so ein offener, neugieriger und schlauer Mensch ist. Das war vor allem auch irgendwie gut, weil es am Anfang schwierig war eine Schule zu finden, die bereit war ihn aufzunehmen.”
Bodo: “Das stimmt, das schwierigste war es tatsächlich, vorab eine Schule für Jesus zu finden, da sind wir irgendwie auf den meisten Widerstand gestoßen.”

Hannah (Rotex): ”Das passt ja eigentlich ganz gut zur nächsten Frage, hättet Ihr Euch denn manchmal mehr Unterstützung gewünscht, wenn ja in welcher Hinsicht?”
Bodo: “Vielleicht wäre es ganz gut in Zukunft Schulen aufzunehmen, welche sich schon mal bereit erklärt haben auch im Austausch inklusiv zu arbeiten und nicht nur auf dem Papier, wenn wir nicht zufällig auf die Schule gestoßen wären, wären wir daran wahrscheinlich gescheitert. Außerdem ist der Jugenddienst natürlich vor allem beim Langzeit Austausch (LTEP) immer ein bisschen mit Papierkrieg beschäftigt, aber so wie viele Dinge im Moment formuliert und gefordert sind, sind Menschen mit Behinderung schon oft kategorisch ausgeschlossen. Natürlich ist es auch wichtig Unterstützung vom Distrikt zu bekommen und ich denke für die Familien ist es wichtig, immer einen verlässlichen, rotarischen Ansprechpartner zu haben.”

Hannah (Rotex): ”Hat Dich der Austausch bezüglich Deiner Wünsche, Ängste und Erwartungen irgendwie verändert?”
Jesus:” Meine Ernährung hat sich verändert, ich bin jetzt ein Vegetarier, was in Paraguay tatsächlich gar nicht immer so einfach ist, außerdem denke ich, dass mich Deutschland insgesamt positiv verändert hat. Ich bin offener geworden und auch irgendwie erwachsener und haben einen wirklich anderen “Blick” für viele andere Dinge gewonnen. Es ist wichtig, dass man sich nicht immer so viele Gedanken macht, manchmal muss man sein Leben auch einfach leben. Niemand ist besser oder schlechter als jemand anderes und wir können alle etwas voneinander lernen. Jeden Tag in ein anderes Land zu sein und eine Fremdsprache zu sprechen, ist vielleicht nicht leicht. Aber die Erfahrungen, die man damit Sammeln kann ist unfassbar.”
Lynn: “Durch das Jahr bin ich eng mit meinen Gastgeschwistern zusammengewachsen, jemand kann Deine Familie sein, ohne dass du mit der Person verwandt bist. Jesus Blindheit ist an irgendeinem Punkt einfach Alltag geworden. Ich habe jetzt keine Angst mehr vor Neuem.”

Das stimmt an dieses Gefühl erinnere ich mich gut, an irgendeinem Punkt im Austausch ist man einfach voll angekommen, hat auch einiges an Hindernissen überwunden und weiß einfach egal was kommt, man wird schon irgendwie damit klarkommen. Austausch ist auch Resilienztraining für jede:n Teilnehmer:In, denn jede:r bringt seine ganz eigenen Voraussetzungen und Anforderungen mit.


Hanna Herbster: ”Man macht sich dann auch keine Gedanken mehr über Themen, die man sich vorher nie getraut hat. Wandern gehen mit einem Blinden, Fahrradfahren mit einem Blinden. Alles kein Problem mehr.”

Kurzer Einschub an dieser Stelle:

Familie Herbster hat für Jesus mit Hilfe des Distrikts ein Tandem organisiert. Es hat sie zwar ein bisschen Übung gekostet, aber am Ende sind sie ganz schön viel im Schwarzwald unterwegs gewesen und haben sogar an einem Wettbewerb teilgenommen. Familie Herbster ist eine sportlich sehr aktive Familie und ich finde es einfach toll, wie sie da einen Weg gefunden haben Jesus auch in diesen Teil Ihres Familienlebens einzubeziehen. 

Oder wie Bodo dazu gesagt hat:
Unlock your mind – Indem man in seinen eigenen Gedanken und Bedenken gefangen ist vertut man sich viele Chancen. Das hat uns Jesus Mut gelehrt, er hat sich einfach gesagt, ich bereite das jetzt ordentlich vor und ziehe das dann durch, was habe ich schon zu verlieren und für uns alle war das ein wirklich nachhaltig schönes Erlebnis!”

Bettina: “Die Beziehung, die wir zu Jesus aufgebaut haben bleibt bestehen – die Verbindung zwischen unseren Familien auch. Sein Mut hat mich wirklich inspiriert und ich würde mir wünschen, dass ein Austausch von Menschen mit Behinderung bei Rotary ein fester Bestandteil wird und dass mehr so tolle junge Menschen wie Jesus sich trauen, dasselbe zu machen.”

Monika: “Das war ein richtig tolles Jahr für uns! Wir haben so viel voneinander gelernt und ich wünsche mir, dass auch andere Gastfamilien und Austauschüler:Innen egal mit welcher Behinderung die Möglichkeit haben so etwas zu machen. Am Ende sollte es nicht darum gehen was man nicht kann, sondern was man kann und wie man es schafft.“

Damit beenden wir das Interview, für das wir uns knapp eine Stunde Zeit genommen haben. Die Zeit ist wirklich wie im Flug vergangen, wir haben viel gelacht und einen wirklich tollen Einblick in Jesus Jahr gewonnen. Mein Eindruck ist, dass sich sein Austauschjahr auf den zweiten Blick gar nicht so sehr von meinem unterschieden hat.
In meiner Zeit bei Rotex habe ich viele verschiedene Austauschschüler:Innen begleitet und was mir immer wieder, wie ein kleines Wunder vorkommt ist, dass Austausch wirklich jedes Mal, wie ein -wunderschönes- Leben in einem Jahr ist. Die Verbindungen, die wir in dieser Zeit knüpfen, die Erfahrungen, die wir machen dürfen und die Einblicke die wir gewinnen prägen uns, nachhaltig. Sie prägen nicht nur uns, sondern jede einzelne Person, die an diesem Prozess beteiligt ist. Auch wenn es “nur” ein Jahr ist, die Reichweite ist gigantisch und die Türen, die sich dadurch für Einzelne und am Ende des Tages immer auch für Rotary, öffnen sind bunt, lebensfroh und Zukunft verheißend.


Dieses Interview wurde geführt von Albert Hönisch und Hannah Weber

Hannah war 2013/2014 für ein Jahr in Brasilien im Austausch, im Anschluss hat sie sich bei Rotex 1840 e.V. engagiert, wo sie für drei Jahre aktiv die Geschicke des Vereines geleitet hat.
Heute ist sie examinierte Gesundheit und Krankenpflegekraft und Mitglied des Rotary Satellite E-Clubs Bavaria International Active. Zu ihrer Gastfamilie hat sie immer noch regen Kontakt, normalerweise treffen sie sich jedes Jahr spätestens auf der Rotary International Convention.
Sie sagt sie glaubt fest an die Ziele des Jugendaustausches und betrachtet ihre Arbeit im Jugendaustausch als ihre Chance etwas zum Weltfrieden beizutragen. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass Rotary das gigantische Potential des Austausches noch mehr erkennt und, dass inklusiver Austausch etwas Selbstverständliches wird, denn damit wäre Rotary nicht nur die größte nicht kommerzielle Austauschorganisation, sondern auch die Einzige, die sich Inklusion aktiv auf die Fahne geschrieben hat.

Albert war 2015/16 für ein Jahr in Chile im Austausch. Er ist aktuell bei Rotex 1940, als ehemaliger Präsident von Rotex Deutschland und als Teil des Social Media Teams von Rotex Deutschland und Rotex International weiterhin für den rotarischen Schüleraustausch in Deutschland und in seinem Distrikt aktiv.